Fünf Monate ohne Kita und Schule – Warum Eltern Unterstützung in der Coronakrise brauchen

4,2 Millionen Familien stehen nach rund fünf Wochen Ausnahmesituation am Rande ihrer Belastungsgrenze. Deswegen fordern wir ein Corona-Kindergeld von 1000 Euro im Monat, um die schlimmsten Folgen der Krise für Eltern aufzufangen.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie war noch nie ein Zuckerschlecken. Durch den Wegfall professioneller Betreuungseinrichtungen einerseits und privater Netzwerke andererseits sind die meisten Eltern am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Wir haben ein Umfrage durchgeführt, an der sich fast 800 Eltern beteiligt haben: Familien, die durch den Wegfall der Betreuung im Schichtbetrieb arbeiten und sich so die Kinderbetreuung aufteilen. Die bis spät in die Nacht arbeiten und ihren Tag sehr früh beginnen, bevor die Kinder aufwachen. Geschichten von alleinerziehenden Müttern, die sich selbstständig gemacht haben und denen nun ohne Kinderbetreuung alles wegbricht. 

Längst nicht alle Arbeitgeber erlauben das Arbeiten im Home Office. So bleibt für viele nur die Option, die Urlaubstage aufzubrauchen und danach in unbezahlten “Sonderurlaub” zu gehen – und damit direkt in den finanziellen Ruin zu rutschen. 

Viele Menschen fühlen sich von der Politik nicht ernst genommen und allein gelassen.  

Experten: Autohäuser auf, Kitas zu

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise wurden von Menschen entwickelt, die keine Kinder haben oder noch nie Carearbeit übernommen haben. Und umgesetzt werden sie von Politiker*innen, die Familienpolitik als Gedöns abwinken.

Woher wir das wissen? Weil fast alle Maßnahmen Familien am härtesten treffen. Beispiel Kontaktverbot: Erwachsene können sich mit einem Freund zum Joggen verabreden. Kinder können sich aber nicht mit ihren Freund*innen treffen, weil zwei Vierjährige nicht ohne die Begleitung von Erwachsenen auf die Straße können. Das heißt, für Kinder bricht jeglicher sozialer Kontakt weg.  

Ein weiteres Beispiel: In der Pressekonferenz vom 15. April wurde die Schließung der Kitas nicht einmal erwähnt. Die anwesenden Journalist*innen – fast ausschließlich Männer – stellten keine einzige Frage zu der Belastung von Familien. Auf der anderen Seite wurden Bundesligaspiele und Gottesdienste minutenlang diskutiert. Es hat auch niemanden gejuckt, dass viele Eltern weiter Kitagebühren zahlen, die in manchen Bundesländern mehrere Hundert Euro betragen. 

Unsere Forderungen

Die Schließung von Kitas und Schulen sind wichtig um den Virus einzuschränken. Aber der Schutz der Gesellschaft kann nicht allein auf dem Rücken von Familien ausgetragen werden. Es kann kein ‘Weiter-So, die Mütter wuppen das schon’ geben. Deshalb haben wir eine Petition gestartet mit der Forderung nach 1000 Euro pro Monat zusätzliches Kindergeld, um uns Familien zu entlasten. Alleinerziehende und Eltern von Kindern mit Förderbedarf müssen entsprechend mehr Geld bekommen.

Damit können Eltern ihre Stunden verringern und sich so ihren Kindern widmen oder wenn dies möglich ist, eine professionelle Kinderbetreuung einstellen. Ein Corona-Kindergeld von 1000 Euro im Monat ist der einfachste, schnellste und gerechteste Weg, um Familien in der Coronakrise zu unterstützen. Anders als ein Corona-Elterngeld, wie vom Deutschen Wirtschaftsinstitut (DIW) vorgeschlagen, wäre das Corona-Kindergeld nicht einkommensabhängig: Das kommt Eltern mit geringerem Einkommen zugute. 

Mit dem Corona-Kindergeld können Eltern selbst entscheiden, ob sie ihre Stunden reduzieren oder weiterhin arbeiten, indem sie etwa einen Babysitter finanzieren (in vielen Bundesländern wie Bayern und Brandenburg sind Babysitter erlaubt – auch hier braucht es eine einheitliche Regelung).

Und zuletzt: Ein Corona-Kindergeld muss nicht extra beantragt werden. Ein universeller Ansatz reduziert Zeit und Kosten für die Verwaltung und erreicht gleichzeitig alle Familien schnell. 

Mit einem Corona-Kindergeld werden Existenzängste und finanzielle Probleme, die sich durch Einkommensausfälle und fehlende Planbarkeit der Zukunft ergeben, abgefedert. Weniger Stress kann sich vorteilhaft auf die steigenden Fälle häuslicher Gewalt und Kinderschutz auswirken. 

1000 Euro pro Familie würde auf Kosten von ca. 4,2 Milliarden Euro im Monat hinauslaufen. Das klingt erstmal nach viel Geld – aber das sind die Kosten, die gerade allein von Eltern geschultert werden. Und wir müssen diese Summe im Kontext von anderen Zahlen sehen. Der Sporthersteller Adidas hat gerade eine Finanzspritze vom Staat in Höhe von 2,4 Milliarden Euro erhalten. Ganz zu schweigen von den Milliardensummen, die für die Bankenrettung bei der letzten Finanzkrise draufgingen.  

Zusätzlich muss es ein verbrieftes Recht geben, die Arbeitszeit (vorübergehend) zu reduzieren und ein Kündigungsschutz eingeführt werden. Darüber hinaus fordern wir, dass der Staat den Eltern die Kitagebühren zurückerstattet, die bereits bezahlt wurden und alle weiteren Gebühren übernimmt. 

Geld allein wird nicht alle Probleme von Familien in der Corona-Krise lösen können. Aber es wäre für die meisten eine große Hilfe und vielleicht noch wichtiger, ein Signal vom Staat, dass Familien in dieser Krise nicht allein gelassen werden. 

Und wenn Du diesen Text liest und selbst unter großem Stress stehst, lass dir sagen: du bist nicht allein, wir sind keine Einzelfälle. Wir müssen unsere Geschichten sichtbar machen, denn nur so können wir zeigen: Es liegt nicht an dir, oder an deinem mangelnden Organisationstalent, kein noch so detaillierter Plan kann diese neue Belastung auffangen. Diese Krise zeigt, welchen Stellenwert Familien und Kinder in unserer Gesellschaft haben: nämlich einen verdammt niedrigen. Fehlende Kinderbetreuung und Unterstützung ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches, so müssen wir auch als Gesellschaft zusammen eine Lösung finden. Deswegen müssen wir jetzt laut werden.

Von Katharina Mahrt, Anne Isakowitsch und Sevrin Waights

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